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- THE ULRICIANUM TIMES
- Schule im Nachrichtenfieber
- (aus: close-up
Frühjahr 1991, Gym-Nr. 5, Klett Verlag)
- "THE
ULRICIANUM TIMES, the only English newspaper in town. Latest
news from all over the world - test your English!"
So und ähnlich klang es bereits
dreimal in den Straßen der ostfriesischen Stadt Aurich, als eine
Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Ulricianums
ihre zwölfseitige druckfrische Tageszeitung an die Leser brachte -
das Produkt eines aufregenden Tages, an dem Schule völlig anders
vonstatten geht als sonst, und an dem trotzdem ungemein viel
Englisch gelernt und angewandt wird - aber anders als gewohnt: Schüler
produzieren eine aktuelle englischsprachige Tageszeitung durch den
Einsatz von neuen Technologien in unterschiedlichen Bereichen.
CAMPUS 2000
und der INTERNATIONAL NEWSPAPER DAY
Seit 1985 wird, ursprünglich zweimal
im Jahr, jetzt nur noch im März jeden Jahres, von CAMPUS 2000 der
International Newspaper Day veranstaltet.
In Großbritannien nehmen ca. 180
Schulen am Primary Newspaper Day teil, am zwei Tage später
stattfindenden Secondary Newspaper Day ca. 200 Schulen, ergänzt
durch bisher ca. 50 Schulen außerhalb der britischen Inseln,
zumeist europäische Schulen (davon allein 23 bundesdeutsche im März
1990). An diesem Tag entstandene Zeitungen können nach London
geschickt werden, um an einem Wettbewerb teilzunehmen. Jeweils drei
Preise gibt es im Primary und Secondary Bereich, einen first
prize für die Schulen der International Rubrik. Neben
vergoldeten und gerahmten Druckmatern der Titelseite locken
Computer, Bücher und Bargeld die Gewinner!
Während des Newspaper Days erhalten
die teilnehmenden Schulen ab morgens um 9.00 ständig aktuelle
Presseagenturmeldungen der TIMES, aber auch einige deutschsprachige
von dpa oder französische von AFP, sobald sie sich in ihre mailbox
(den elektronischen Briefkasten) einwählen. Das Material wird in
England von einer Schülergruppe ausgewählt, zusätzlich können
alle teilnehmenden Schulen von ihnen erstellte Meldungen an die
Agentur nach London schicken (per Computer), von wo aus sie an alle
anderen Schulen weitergeleitet werden. Damit steht ein fast
kilometerlanges Angebot an aktuellem Material zur Verfügung - aber
wie wird eine Zeitung daraus?
Trying to
prevent a chaos
Schon Tage vor dem eigentlichen
Newspaper Day treffen sich einige interessierte Schüler in Pausen,
Freistunden oder an freien Nachmittagen, ca. 40 aus den Jahrgängen
9-13 werden es am entscheidenden Tag insgesamt sein. Texte und Fotos
für die Seiten mit Lokalkolorit können bereits vorbereitet werden,
denn School News, Local News, Local Sports, Miscellaneous,
unterliegen keiner echten Tagesaktualität, machen die Zeitung aber
für die Leserschaft, zumal die auf dem Schulhof, wesentlich
interessanter.
Noch herrscht himmlische Ruhe im
Computerraum, mit Glück entstehen schon die ersten Texte mit einem
Textverarbeitungsprogramm (wir haben gute Erfahrungen mit WORD
gemacht), mit noch mehr Glück können diese auch schon von einigen
dtp-Interessierten bearbeitet werden: immerhin haben wir den
Ehrgeiz, mit unterschiedlichen Überschriften und sauberem
Spaltensatz zu arbeiten - die schärfsten Kritiker einer fertigen
Zeitung sind die Schüler selbst! Und da wir bereits zweifacher
Gewinner des International First Prize waren (mit Teilnahme an der
Preisverleihung in London), lockt immer noch der hat-trick!
Vier Seiten könnten auf diese Weise
schon vorab fertig sein - aber die Realität zeigt, daß auch diese
Seiten erst während des Newspaper Days beendet werden - es scheint,
als müssen der Zeitdruck und die echte streßbesetzte
Arbeitsatmosphäre vorhanden sein, um effektiv und kreativ sein zu können!
Ebenfalls im Vorfeld werden
Redaktionsteams gebildet: Jeweils eine Schülerin oder ein Schüler
übernehmen ein klassisches Ressort wie International News, Culture
etc. und sind für ihre Seite(n) verantwortlich. Zu diesen sieben
oder acht Koordinatoren gesellen sich am heißen Tag die
interessierten Redakteure. Mit diesem Delegationsprinzip wird zum
einen die Selbständigkeit der Redaktionen gewährleistet,
andererseits aber auch das ständig drohende Chaos vermieden, bei
dem keiner mehr den Überblick über fertige Texte, Disketten und
Artikel hätte.
Hey ho, hey
ho, it's off to work we go...
Es wird ernst! Die ersten tauchen
schon vor acht auf, obwohl wir eigentlich erst um 9.00 anfangen
wollen. Beide Computerräume sind von uns belegt, zwei Klassenräume
stehen der schreibenden Zunft für ruhiges Arbeiten zur Verfügung,
Lexika liegen bereit, auch ein Radio steht dort, mit dem BBC gehört
werden kann (just to learn what sort of news they have!). Einer der
Computerräume ist für die Redaktionen vorgesehen, hier werden die
Artikel mit WORD geschrieben und auf Disketten abgespeichert, hier
gehen auch die Meldungen aus der mailbox ein, werden abgespeichert,
ausgedruckt und auf die passenden Redaktionskästen verteilt. Die
Koordinatoren der Redaktionen holen hier das Material ab und
bearbeiten es in ihren Redaktionen.
Im zweiten
Computerraum nebenan können die abgespeicherten Texte mit einem desk-top
publishing programme (dtp) bearbeitet werden, um eine
Zeitungsform zu erhalten. Mit Timeworks gestalten Schüler
unterschiedliche Überschriften und Textformate für das spätere
lay-out, das wir bewußt traditionell mit Schere und Klebestift
erstellen: das ist wesentlich kreativer als am Bildschirm und macht
vor allem dann Spaß, wenn jemand das Fenster öffnet!
Ab 9.00 Uhr beherrschen ungewohnte
Schüleraktivitöten die Räume, alle sind irgendwo aktiv,
Agenturtexte werden herumgereicht, an allen Bildschirmen arbeiten
Schüler, Drucker laufen heiß, Disketten werden gesucht, erste Änderungswünsche
von den dtp-Aktivisten erfüllt, Druckvorlagen mit Überschriften
und Seitentiteln versehen, einige malen bereits Plakate für den
morgigen Zeitungsverkauf, Vokabelfragen schwirren durch die Räume,
Schüler der Oberstufe werden zum Korrigieren gerufen, eilige
Redaktionskonferenzen finden statt, Fotos werden ausgesucht - gegen
16.00 beruhigt sich die hektische Betriebsamkeit, das lay-out läuft
bereits intensiv, die Redaktionen haben endgültig entschieden,
welche Artikel in die Zeitung sollen, mit Fingerspitzengefühl
entstehen die fertigen Zeitungsseiten: alle zwölf müssen um 18.00
Uhr in den Druck gehen.
Abends dann gemeinsames Durchatmen in
der Stammkneipe, wieder einmal ist eine Zeitung fertig geworden, wir
warten auf die ersten Andrucke, die gegen 22 Uhr stolz herumgereicht
werden. Und schon sind erste selbstkritische Anmerkungen nicht zu überhören:
hier ist ein unschöner Schrifttyp für die Überschrift gewählt
worden, dort fehlt der Name der Verfasserin, die Bildunterschrift hängt
schief - beim nächsten Mal wird THE ULRICIANUM TIMES sicher noch
besser!
WHAT A
CHALLENGE FOR ENGLISH LESSONS
Selten habe ich Schüler dermaßen
selbstbestimmt arbeiten und ihre unterschiedlichsten Fähigkeiten so
intensiv einbringend erlebt wie beim International Newspaper Day.
Egal, wie groß dieser Tag aufgezogen wird, er steht und fällt mit
dem Engagement des Teams, für das Computerfreaks ebenso notwendig
sind wie Leute, die schnell mal einen Zeitungsartikel schreiben können,
spritzige Überschriften aus dem Ärmel schütteln, Comics zeichnen
oder cross-word riddles entwerfen können, Anzeigen lay-outen,
fotografieren, korrigieren, redigieren, den Vertrieb für den nächsten
Tag vorbereiten - und was wäre ein solcher Tag ohne anständige
Versorgung mit Mettbrötchen, Kaffee, Tee und Kuchen? Aber auch
Gespräche mit Anzeigenkunden und Sponsoren sind im Vorfeld
notwendig, ebenso wie die Absprachen mit der örtlichen Tageszeitung
und der Druckerei. Erziehung zu selbständigem Handeln wird hier mit
Leben gefüllt, Schulleben und projektorientiertes Arbeiten
entfalten sich - und der eigentliche Englischunterricht?
Je nach Interesse und zur Verfügung
stehender Zeit kann der Newspaper Day ab der 9. Klasse im
Englischunterricht wunderbar vorbereitet werden. Texte zu School
News oder Local News können hier geschrieben werden, wobei sich die
Konzentration auf journalistic writing ebenso anbietet wie die
sprachliche Kreativität beim Erfinden von catchy headlines. Eine
vorherige Analyse von englischen Zeitungsartikeln drängt sich auf,
aber auch das Ausprobieren von Bearbeitungen englischer
Agenturmeldungen. Warum nicht auch ein Zeitungsvergleich GUARDIAN -
FRANKFURTER RUNDSCHAU, TIMES - FRANKFURTER ALLGEMEINE, BILD - SUN (are
you joking?)! Die fertige Zeitung kann am nächsten Tag wiederum
Unterrichtsgegenstand werden, vielseitiges aktuelles Material steht
schwarz auf weiß zur Verfügung! Bei unserer zweiten Ausgabe wurde
von den Londoner Veranstaltern das ebenfalls zu bearbeitende
Schwerpunktthema Environment vorgegeben, so daß zwei Seiten zum
Thema "Pollution of the North Sea" entstanden (mit
Vokabelkasten) - wissen Sie auf Anhieb die korrekten englischen Wörter
für Dünnsäureverklappung, Klärschlamm, oder Überdüngung?
Unsere Schüler beherrschen dieses Wortfeld mittlerweile fast besser
als die aktuellsten Wörterbücher!
"But
how can I produce 12 pages within one day?"
Don't be afraid, es gibt
keinen Grund, so groß einzusteigen. Wir haben mit sechs Seiten
angefangen, aber auch das muß nicht sein. Auch mit nur einer Klasse
kann im kleinen Projektrahmen eine DIN-A-4 Zeitung mit fotokopierten
Exemplaren hergestellt werden, selbst zwei gedruckte Zeitungsseiten
sind ein Erfolgserlebnis, zumal sie evtl. der Lokalzeitung beigelegt
werden können. Wichtig und erfolgversprechend ist die Möglichkeit
für Schüler, ihre Englischkenntnisse nicht simulierend, sondern in
einer realistischen Situation zu erproben und ergebnis- bzw.
produktorientiert einzusetzen - und das in einem Team, dem
vielleicht sogar ein Preis bei dem damit verbundenen Wettbewerb ins
Haus steht!
Selten genug gibt es eine
realistische Handlungsorientierung im Englischunterricht, aber learning
by doing habe ich selten so lustbetont erlebt!
We are already looking forward to
participating in the next INTERNATIONAL NEWSPAPER DAY on March, 12
th 1991 - come on, just join us!
Reinhard Donath (1991): "Schule
im Nachrichtenfieber". In: Close-Up Nr. 5 (Frühjahr
1991). Stuttgart: Klett-Verlag, 6 - 7
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