International Newspaper Day 

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INTERNATIONAL NEWSPAPER DAY

 
Dreimal ist Friesenrecht
Hans-Jürgen Westermayer, Gymnasium Ulricianum Aurich

14. März 1995 (2 Tage vorher)

Langsam wird es ernst. Wir haben uns selbst unter Druck gesetzt, indem wir der Druckerei zugesagt haben, morgen sechs Seiten im fertigen Seitenumbruch vorbeizubringen. Also los ...
Ab 15 Uhr arbeitet die volle AG-Besetzung. Ein zweiter Laserdrucker kann wieder geliehen (unser Dank geht an einen Auricher Büroausstatter!) und angeschlossen werden. Einen nennt die Schule immerhin ihr eigen! (Der Drucker war bei den vorangegangenen Zeitungsproduktionen immer das Nadelöhr). - Man hört das emsige Klappern der Tastaturen, Artikel werden getippt. Selbst Michael schaltet heute nicht auf "Tetris" um.
Die Arbeitsruhe wird nur von gelegentlichen Vokabelfragen an die Englischlehrer unterbrochen. Gegen 21 Uhr beschließt auch der harte Kern der AG die Arbeit. Die Leuchttische für die Seitenmontage stehen noch völlig verwaist herum. Von einigen Artikel existieren wenigstens Probeausdrucke. Und es sollen 12 Seiten werden ...

Als wir endlich den Computerraum im RCC verlassen wollen, finden wir die Eingangstür abgeschlossen. Da wir (bei allem Eifer) nicht auch noch bei den Rechnern übernachten wollen, verlassen wir das Gebäude durch ein Fenster im Erdgeschoß (Keine Angst, der Hausmeister verschließt wieder alles ordnungsgemäß).

1 Tag vorher

Wieder beginnt die Arbeit um 15 Uhr (wie üblich mit dem Aufsetzen des Kaffees). Das Modem ist zum Glück wieder aufgetaucht. In einer kurzen Redaktionsbesprechung werden die Aufmacher für die ersten fertigzustellenden Seiten festgelegt. Bei den School News wird es "Happy Birthday Ulricianum!", bei der Sonderseite "teenage pregnancy" der Artikel "Why are you not pregnant?" (Klingt ein bischen reißerisch, aber die Juroren legen wert auf "catchy headlines", also sollen sie sie auch haben!)

Die Lokalseite macht mit dem Schülerstreik auf: "Going on Strike?", die Kulturseite mit einem Artikel über Techno "Techno -Just Music?".
Besonderes Augenmerk müssen wir auf die in der Wettbewerbsausschreibung vorgegebenen Artikel richten. Das Material bekommen wir erst am Tag X, aber Vorüberlegungen sind immer sinnvoll. Zu diesen Themen gehören ein Interview mit Richard Branson (Virgin), eine Umfrage zum Recycling (da läßt sich doch was vorbereiten) und ein Artikel zum "Red Nose Day" (kennt hier keiner, in England aber jeder: bei einer Geldsammelaktion für Sozialarbeit in der ganzen Welt werden nicht die hierzulande üblichen Papierblümchen zum Anstecken, sondern rote Nasen zum Aufsetzen verteilt -und die werden sogar von den angeblich so zurückhaltenden Engländern getragen!), der aus unserer Perspektive geschrieben werden sollte.
Um 18 Uhr sind immerhin zwei Seiten fertig montiert. Es sollten eigentlich sechs sein. Wir trauen uns mit den zwei Seiten kaum zur Druckerei der Ostfriesisischen Nachrichten, aber mit dem Spruch "die Jungs dort sind Kummer gewohnt" machen wir uns selbst Mut. An dieser Stelle muß einmal erwähnt werden, wie wertvoll für uns die Zusammenarbeit mit den ON, v.a. mit dem dortigen Satz- und Layout Team, ist. Sie zeigen immer eine Engelsgeduld, wenn wir es wieder nicht schaffen, die Deadline einzuhalten, sie verbessern noch einige Unzulänglichkeiten an unseren Seiten (z.B. eine zu schief geklebte Spalte) und geben den Schülern das Gefühl, daß sie von den "richtigen" Zeitungsleuten ernst genommen werden. Aber zurück zu unserer Arbeit. Heute schuften wir noch bis 22 Uhr. Leichte Hektik kommt auf. Wir liegen nicht im Zeitplan. Doch das war eigentlich immer so. Morgen ist ja auch noch ein Tag!

Der Tag X

Heute ist der Projekttag, der Newspaper Day. Da wird es im RCC etwas lebhafter und enger. Zu den 15 Redakteuren der AG stoßen noch einige freie Mitarbeiter. Helen, die Fremdsprachenassistentin aus England, und einige besonders kompetente Englisch-Leistungskursschüler sollen beim Übersetzen helfen. Dazu kommen einzelne Schüler oder Gruppen, die Artikel beisteuern sollen und erst einmal anfangen zu tippen. Die anderen Redakteure versuchen, den vier-Seiten-Rückstand von gestern aufzuholen. Insgesamt ist die Atmosphäre noch ruhig. Es bleibt noch Zeit zum Kaffeetrinken. Hektik ist nur bei den Seiten angesagt, die eigentlich schon gestern fertig sein sollten und nun langsam von den Leuchttischen verschwinden müssen, um den aktuellen Seiten Platz zu machen.

10 Uhr. Es wird es spannend. Nun sollen die ersten Meldungen aus London per E-Mail eingehen. Wie immer verzögert sich das um einige Zeit. Schließlich können die ersten Meldungen abgerufen und ausgedruckt werden. Es kommt erstaunlich viel Material -auf Englisch, Französisch und Deutsch. Jetzt gibt es viel zu tun. Die eingegangenen Meldungen müssen nach Fachredaktionen sortiert und weitergegeben werden. Die Redakteure sichten, wählen aus, ergänzen, bearbeiten die Texte am Bildschirm, überlegen passende Überschriften, setzen den Artikel als Entwurf und speichern das Endprodukt auf ihrer Redaktionsdiskette und auf Festplatte ab. Das ist wichtig, denn zum einen müssen die Artikel schnell wiedergefunden werden können, wenn sie endgültig gesetzt werden, zum andern muß vermieden werden, daß ein Artikel zweimal in der Zeitung auftaucht (das ist uns bei den ersten Ausgaben regelmäßig gelungen!). Einige Artikel werden auch erst aus dem Fanzösischen oder Deutschen ins Englische übersetzt. Eine weitere Aufgabe besteht darin, Fotos zu den Artikeln zu suchen. Zu diesem Zweck steht ein voller Satz der aktuellen Nachrichtenmagazine, Illustrierten und überregionalen Tageszeitungen bereit.

13 Uhr. Mittagspause. Bei den ersten Newspaper Day Projekttagen gab es Mettbrötchen. Dank Katrins guter Beziehungen zu einem örtlichen Imbißbetrieb (auch hier vielen Dank!) stärken wir uns mit Hamburgern, auf Wunsch auch vegetarischen. Eigentlich dürften wir gar keine Pause machen, denn von den vier rückständigen Seiten sind zwei immer noch nicht fertig.

14 Uhr. Endlich! Die ersten sechs Seiten sind geschafft. Jede fertig montierte Seite wird mit großem Jubel quittiert -und ab geht's zur Druckerei! Nun können wir uns voll auf die aktuellen Seiten konzentrieren. Für die Bewertung der Zeitung innerhalb des Wettbewerbs ist es wichtig, soviel wie möglich heute eingegangene Meldungen aufzunehmen (sonst könnte man ja alles schon vorproduzieren!).
Jetzt beginnt der "kleine Lauschangriff". Ein Redaktionsmitglied hört regelmäßig die NDR- und BBC-Nachrichten und notiert Themen und Rangfolge der Meldungen. Damit wollen wir sicherstellen, daß wir die Topmeldung des Tages nicht unter "Kurzmeldungen" bringen.

15 Uhr. Redaktionssitzung. Die Stunde der Wahrheit. Wieviel Material hat jede Redaktion gesammelt? Reicht der Stoff für die vorgesehene Seitenzahl? Welche Meldung könnte der Aufmacher für die Titelseite werden?
Das Nordirland Feature ist noch nicht fertig (das Programm war zwischendurch abgestürzt und die Zwischenspeicherfunktion ausgestellt ...), verspricht aber gut zu werden. Auch die Sportseite macht gute Fortschritte. Mit der Festlegung für die Titelstory warten wir noch. Drei Themen stehen in der engeren Auswahl und werden besonders sorgfältig bearbeitet. Vor allem müssen Fotos dazu gefunden werden.


Nun beginnt die heiße Phase. Um 18 Uhr ist Deadline. An jedem Leuchttisch werden jetzt zwei Seiten montiert. Es wird deutlich hektischer: Pendeln zwischen Computer- und Layoutraum im Joggingtempo, lautes Rufen: Wo ist die Diskette "Marion"? Wer hat den Artikel "Red Noses" gesetzt -falsche Punktgröße und Spaltenbreite! Wo ist der Artikel "Techno" abgespeichert? Wo ist der Ausdruck der Überschrift zu "Eyecamp"? Wo ist die Schere? Wer hat den Kleber? ...
Ein Redaktionsmitglied muß nun sicherstellen, daß alle Anzeigen plaziert sind. Es soll ja kein Inserent umsonst bezahlt haben oder sein Geld zurückfordern.

17 Uhr. Anruf von den ON: Wo bleiben die versprochenen Seiten? -Was sollen wir nur sagen? Am besten die übliche Beruhigungstaktik: Zwei Seiten werden gleich vorbeigebracht und zwei weitere Seiten sind so gut wie fertig. ("Gleich" ist ein dehnbarer Begriff!)
Die meisten der freien Mitarbeiter haben ihre Artikel geschrieben und sind nach Hause gegangen. Jetzt könnte man problemlos eine Tasse Kaffee ergattern, aber kaum einer hat Zeit dazu. Die Entscheidung über die Titelstory fällt. Aufmacher wird ein Artikel über die Kontroverse um den Gerry Adams Besuch in Washington. Damit können wir eigentlich nicht falsch liegen -zumal bei englischen Juroren! Das Thema wird ohnehin schon seit einigen Tagen in den Medien hochgekocht und es paßt gut zum Nordirland Feature auf Seite 3.

18 Uhr. Nun kommt wirklich Hektik auf. Eigentlich sollte jetzt Deadline sein! Immer noch liegen vier Seiten halbfertig (oder noch weniger!) auf den Leuchttischen. Die Rufe beschränken sich jetzt nur noch auf "Schere", "Kleber", Überschrift zu "Unemployment", werden aber deutlich lauter. Kurzes Ausrasten ist möglich, wenn die Wünsche nicht sofort erfüllt werden.


Die Titelseite kommt als letzte dran. Nur der harte Kern der AG ist noch am arbeiten. Beide Drucker sind an den schnellsten Rechner (immerhin 486er, 66 MHz) angeschlossen und im Layoutraum aufgestellt. Das Zwischenspeichern auf Diskette unterbleibt längst. Alles geht nur noch auf direkten Zuruf: "Überschrift für den Aufmacher neu: 24, 26 und 28 Punkte, in Tubular, kursiv, fett!" -"Die Inhaltsübersicht neu setzen auf 9,6 cm Rahmenhöhe".
Zwischendurch lauter Jubel, wieder ist eine Seite fertig. Jetzt fehlen nur noch Seite 1 und 2!

19.05 Uhr. Vielstimmiger Jubel, Abklatschen wie auf dem Volleyballfeld nach dem Matchpoint. Wir haben es geschafft. Die Titelseite ist fertig. Die Deadline "nur" um eine Stunde verfehlt ... aber, wie gesagt, die ON Leute sind Kummer gewohnt! Ein Bote spurtet mit den letzten beiden Seiten zur Kirchstraße.

Wir atmen erst einmal tief durch. Dann kommt das Aufräumen. Der Boden ist von Papierschnipseln übersät. Jetzt beginnt das Warten auf die gedruckte Zeitung. Irgendwann heute nacht werden "unsere" Seiten über die Rota (Rotationsdruckmaschine) in Emden laufen. Morgen beginnt dann in der ersten großen Pause der Verkauf der Zeitung und -nicht zu vergessen -drei Exemplare gehen als Wettbewerbsbeitrag nach London. Wie gut stehen wohl unsere Chancen? Der Termin für das traditionelle Pizzaessen als Abschluß des Projekts liegt jedenfalls schon fest.

Vier Wochen danach

Wir haben gewonnen. Heute kam die Nachricht über E-Mail: Platz 1 in der internationalen Kategorie: Gymnasium Ulricianum Aurich mit der "The Ulricianum Times".
Vier Redaktionsmitglieder fahren zur Preisverleihung nach London!

aus: Westermayer, Hans-Jürgen: "Dreimal ist Friesenrecht". In: Festschrift 350 Jahre Ulricianum. Aurich 1996, S. 352 - 358

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zuletzt geändert: 02.07.01 17:33:33
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